Inhalt (14 Abschnitte)
- Drei Philosophien für dasselbe Ziel
- Proxmox VE: der Hypervisor für Rechenlast
- TrueNAS SCALE: das NAS mit ZFS im Mittelpunkt
- Unraid: das flexible Speicherarray für Privatanwender
- Vergleich in 7 Dimensionen
- Lizenz und Kosten
- Basissystem
- Virtualisierungs-Engine
- Container
- Speicherverwaltung
- Skalierbarkeit und Clustering
- Entscheidungsbaum: wann Sie was wählen
- Warum Proxmox für die Souveränität der beste Kompromiss bleibt
- Fazit
Wer beschließt, sich von den GAFAM zu lösen, fragt sich zuerst nicht „welche Anwendungen hoste ich“, sondern „auf welcher Basis lasse ich sie laufen“. Und da fallen in jeder Self-Hosting-Diskussion immer wieder drei Namen: Proxmox VE, TrueNAS SCALE und Unraid. Auf dem Papier haken alle drei dieselben Punkte ab (Virtualisierung, Container, Speicher, Weboberfläche), in der Praxis bedienen sie aber ganz unterschiedliche Bedürfnisse.
Dieser Artikel entscheidet die Frage anhand messbarer technischer Kriterien, nicht nach Vorlieben der Community. Am Ende wissen Sie genau, welches Produkt zu Ihrem Profil und Ihren Rahmenbedingungen passt, und vor allem, welches Sie für Ihren Anwendungsfall meiden sollten.
Drei Philosophien für dasselbe Ziel #
Proxmox VE: der Hypervisor für Rechenlast #
Proxmox Virtual Environment ist ein Typ-1-Hypervisor auf Debian-Basis. Seine Logik: einen physischen Server in eine private Cloud im Kleinformat verwandeln, in der Sie virtuelle KVM-Maschinen und LXC-Container orchestrieren. Speicher und Netzwerk dienen der Rechenlast, nicht umgekehrt. Es ist die Philosophie eines VMware ESXi oder Hyper-V, aber vollständig Open Source und in der Community-Version kostenlos.
TrueNAS SCALE: das NAS mit ZFS im Mittelpunkt #
TrueNAS SCALE (früher FreeNAS auf FreeBSD, inzwischen auf Debian) ist vor allem ein Speichersystem für Unternehmen. Seine DNA ist ZFS: ein Dateisystem mit kompromissloser Integrität, mit Snapshots, Replikation, Kompression und ständiger Blockprüfung (Scrub). Virtualisierung gibt es, sie ist aber als Nebenmodul aufgesetzt. Wenn Ihre Daten über allem stehen, sind Sie hier richtig.
Unraid: das flexible Speicherarray für Privatanwender #
Unraid ist eine proprietäre Slackware-Distribution, die von einem USB-Stick aus im Arbeitsspeicher läuft. Ihre Besonderheit: Sie können dem Speicherpool Festplatten völlig unterschiedlicher Größe hinzufügen, mit einer eigenen Paritätsplatte für die Ausfallsicherheit. Für alle, die nach und nach gesammelte, unterschiedliche Festplatten weiterverwenden wollen, ist das unschlagbar. Die Kehrseite: Unraid kostet Geld (Lizenz auf Lebenszeit oder Abonnement), und die erweiterte Netzwerkverwaltung bleibt begrenzt.

Vergleich in 7 Dimensionen #
Lizenz und Kosten #
- Proxmox VE: Open Source unter AGPL v3, kostenlos. Ein optionales „Enterprise“-Abonnement gibt Zugang zum Repository mit stabilen Paketen und zum kommerziellen Support.
- TrueNAS SCALE: Open Source, kostenlos. Der Unternehmenssupport über TrueNAS Enterprise ist kostenpflichtig.
- Unraid: proprietär. Kostenpflichtige Lizenz: Basic (~49 $), Plus, Pro auf Lebenszeit oder, bei neueren Versionen, ein Jahresabonnement. Keine kostenlose Version für den Produktivbetrieb.
Basissystem #
- Proxmox VE: stabiles Debian Linux, per SSH erreichbar, veränderbar wie jedes andere Debian.
- TrueNAS SCALE: Debian Linux, aber das System soll außerhalb der Weboberfläche nie angefasst werden.
- Unraid: Slackware, das vollständig vom USB-Stick aus im Arbeitsspeicher läuft. Der USB-Stick ist die Identität des Systems, wer ihn verliert, verliert die Lizenz.
Virtualisierungs-Engine #
- Proxmox VE: KVM in Unternehmensqualität, alle Optionen zugänglich (CPU-Pinning, NUMA, vGPU, PCIe-Passthrough). Ohne Abstriche.
- TrueNAS SCALE: KVM über eine vereinfachte Anwendungsschicht. Erweiterte Einstellungen sind weniger zugänglich.
- Unraid: KVM mit hervorragender Unterstützung für Hardware-Passthrough (GPU, USB), traditionell auf Gamer und virtualisierte Workstations ausgerichtet.
Container #
- Proxmox VE: natives LXC (Systemcontainer, eine Art schlanke Maschine) mit eigener Oberfläche. Docker wird auf dem Host nicht offiziell unterstützt, lässt sich aber in einer eigenen VM oder einem eigenen LXC installieren.
- TrueNAS SCALE: Docker und Kubernetes (App-Katalog von SCALE). Sehr zugänglich für alle, die Docker kennen.
- Unraid: natives Docker und Docker Compose, Verwaltung über die Weboberfläche. Das ist seine Stärke bei Anwendungsdiensten.
Speicherverwaltung #
- Proxmox VE: ZFS, LVM, Ceph, Netzwerkspeicher über NFS und iSCSI. Am vielseitigsten.
- TrueNAS SCALE: ZFS in Unternehmensqualität mit Snapshots, asynchroner Replikation, Deduplizierung, Pool-Verschlüsselung. Bei ZFS am weitesten entwickelt.
- Unraid: Paritätsarray mit Festplatten gemischter Größe, dazu ein optionaler ZFS-Cache-Pool. In diesem Punkt einzigartig.
Skalierbarkeit und Clustering #
- Proxmox VE: natives Clustering mit bis zu 32 Knoten, Hochverfügbarkeit, Live-Migration, asynchrone ZFS-Replikation, Ceph-Integration für verteilten Speicher.
- TrueNAS SCALE: Erweiterung über SAS-Controller und ZFS-Pools. Clustering möglich, aber nicht das Hauptziel.
- Unraid: einzelne Festplatten zum Pool hinzufügen. Kein echtes Clustering über mehrere Maschinen in der Standardversion.
Entscheidungsbaum: wann Sie was wählen #

- Brauchen Sie vor allem viel Speicher mit gesicherter Datenintegrität? → TrueNAS SCALE.
- Wollen Sie mehr als 20 unterschiedliche Anwendungsdienste betreiben, mit Migration und Hochverfügbarkeit? → Proxmox VE.
- Haben Sie einen Stapel Festplatten unterschiedlicher Größe, die Sie zusammenfassen wollen, ohne alles neu zu formatieren? → Unraid.
- Brauchen Sie zuverlässiges PCIe-Passthrough für eine Gaming- oder Transcoding-GPU? → Unraid als erste Wahl, Proxmox als zweite.
- Arbeiten Sie mit mehreren Knoten und automatischem Failover? → Proxmox (nativer Cluster) oder TrueNAS Enterprise (kostenpflichtige HA).
Warum Proxmox für die Souveränität der beste Kompromiss bleibt #
Müsste man eine einzige Basis für eine dienstorientierte private Cloud wählen (Nextcloud, Vaultwarden, Matomo, E-Mail, Medien, Hausautomation, Backups, Überwachung…), gewinnt Proxmox. Aus drei Gründen: Das Nebeneinander von KVM und LXC erlaubt es, die Isolation für jeden Dienst einzeln festzulegen, die Flexibilität beim Speicher erlaubt es, später jedes externe NAS anzubinden, und das kostenlose native Clustering öffnet den Weg zur Hochverfügbarkeit, ohne das Produkt zu wechseln, wenn der Bestand wächst.
TrueNAS bleibt als Ergänzung für die Datenschicht hervorragend, aber es zum Haupt-Hypervisor zu machen, ist eine schlechte Investition. Unraid ist für ein privates Homelab mit wiederverwendeten Festplatten und einer durchgereichten GPU unschlagbar, doch seine proprietäre Lizenz und die Ausrichtung auf einen einzelnen Knoten schließen es aus, sobald es um professionelle oder wachsende Infrastruktur geht.
Fazit #
Die Wahl der Basis für Self-Hosting ist keine Meinungsfrage: Es ist eine Architekturentscheidung, die alles bestimmt, was Sie danach tun können. Wenn Sie Google Workspace, Microsoft 365 oder AWS durch eine Infrastruktur ersetzen wollen, die Sie von Anfang bis Ende kontrollieren, ist Proxmox VE die einzige der drei, die in diese Richtung wirklich skaliert.
Für den Einstieg in die Praxis mit Proxmox zwei Artikel in dieser Reihenfolge: die Schritt-für-Schritt-Installation auf einem Hetzner-Server ohne offizielle Vorlage und die Umstellung von LVM auf ZFS, die Replikation und Hochverfügbarkeit freischaltet.




